Oase der Ruhe

Zwölf zu Zwölf steht es. Der letzte Frame entscheidet. Über drei Sessions und mehrere Stunden Netto-Spielzeit zieht sich schon das Viertelfinale von Judd Trump gegen John Higgins. Und doch gehen die beiden, bevor es losgeht, aufeinander zu und schütteln vor dem entscheidenden Frame die Hände. Dabei lächeln sie freundschaftlich. Es sind Szenen wie diese, die den Spaß an der Snooker-Weltmeisterschaft in Sheffield ausmachen.

 

 

Eurosport war in Deutschland nicht immer erfolgreich. Wenn, dann mit Randsportarten. Neben Darts gehört Snooker zu den Garanten des Senders. In Zeiten der überladenen 3D-Technik und des immer größer werdenden Tempos eine Oase der Ruhe.

 

22 Kugeln liegen auf dem grünen Tuch. Mitunter wird eine Viertelstunde kein einziger Ball versenkt. Was an Snooker unterhaltsam ist, erschließt sich wahrlich nicht auf den ersten Blick. Und wer es als langweilig brandmarken will, hat leichtes Spiel.

 

Und doch ist die Mischung aus brillantem Stoß und dem Scheitern an scheinbar einfachen Aufgaben reizvoll. Die Mischung aus Risiko und Sicherheitsspiel – aus Taktik, Nervenstärke und technischem Vermögen. Auch tut die Ruhe gut, die von den Spielern ausgeht.

 

Anders als Fußball ist Snooker ein Gentlemen-Sport. Vorgetäuschte Fouls, simulierte Verletzungen oder Spiel auf Zeit sind hier nicht nur nicht möglich. Sie wären auch verpönt. Berührt ein Hemdkragen beim Stoß eine Kugel, dann ist das ein Foul. Und wenn der Schiedsrichter diesen Verstoß nicht bemerkt, macht beim Snooker der Spieler selbst ihn darauf aufmerksam. Alles andere würde ihm das Publikum nie verzeihen.

 

Der perfekte Moderator dieses Sport ist Rolf Kalb, der Snooker auf Eurosport schon seit Jahrzehnten begleitet. Eine angenehm sonore Stimme schildert das Spiel und wirft ein scheinbar unbegrenztes Repertoire an Hintergrund-Wissen mit in die Schale. Unvergessen eine Szene, in der Kalb davon berichtet hat, dass der Tisch zu stark angeheizt wurde. In der Folge würden die Bälle zu weit laufen – was dann im Spielverlauf anschaulich zu sehen war. Wann hat zuletzt ein Fußball-Kommentator fachkundig über den Zustand des Rasens berichtet?

 

Vor allem eines kann Kalb, zu dem kein Fußball-Kommentator mehr in der Lage ist: Er kann schweigen. Manchmal ist minutenlang nur der Klong zu hören, der entsteht, wenn die Bälle aufeinander stoßen. Über zwei Wochen geht das so bei der Weltmeisterschaft in Sheffield – und es ist herrlich entschleunigend.

 

Gewonnen hat übrigens Higgins. Obwohl Trump 11 zu 9 geführt hatte. Den Tisch verlassen hat Trump aber lächelnd und natürlich nach einem Händeschütteln.