Weltflucht auf ARD und ZDF

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Nur das Thema Arbeit findet sich im Fernsehprogramm des Feiertags nicht wieder. Auch nicht in den öffentlich-rechtlichen Programmen. Die vernachlässigen über das ganze Jahr ihren Programmauftrag, auch diese Welt darzustellen.

 

 

Eine Gruppe von Werkzeugmachern entwickelt eine Idee, wie sich die Produktion erhöhen lässt. Das Problem: Statt eine Belohnung für diesen Vorschlag auszuzahlen, erhöht die Firma die geforderte Stückzahl und die Werkzeugmacher stehen zum Dank für die Verbesserung mit weniger Lohn da als vorher. Das ist ein Erzählstrang der Serie, „Acht Stunden sind kein Tag“, die Rainer Werner Fassbinder 1972 für den WDR produzierte.

 

Lange vorbei. Heute kaum noch denkbar. Das Thema Arbeitswelten findet sich im Fernsehen nicht mehr wieder. Das zeigt auch und gerade der 1. Mai. Denn die Sender demonstrieren überdeutlich, dass sie mit diesem Thema nichts anzufangen wissen.

 

Die ARD strahlt von 13.05 Uhr bis 19.10 Uhr Filme aus. Die tragen Titel wie „Ein Ferienhaus in Schottland“ oder „Der Bernsteinfischer“ und sind mit einem Satz erzählt: „Sie kriegen sich am Ende.“ Wer mit der Weltflucht nicht bis 13.05 Uhr warten will, kann vorher im ZDF Rosamunde Pilcher und Lokalkrimis schauen.

 

Wie überflüssig sie außerhalb ihrer regionalen Schienen sind, beweisen am 1. Mai auch die Dritten Programme: Dort laufen Filme wie:

 

„Das fliegende Klassenzimmer“ – 45 Jahre alt

„Die Trapp-Familie in Amerika“ – 60 Jahre alt

„Charleys Tante“ – 63 Jahre alt

 

Im Abendprogramm sind dann in den sieben Dritten Programmen sieben Tatort-Wiederholungen zu sehen, ein Notruf und eine Schimanski-Verfilmung.

 

Nun ließe sich argumentieren, Arbeitswelten zu dramatisieren, sei unmöglich. Alltägliches eigne sich nicht für Abendfüllendes. Filme wie „Dancer in the Dark“ oder „Brassed Off“ widerlegen diese These. Wer sie aber trotzdem als öffentlich-rechtlicher Programmmacher glauben will, hätte immer noch die Möglichkeit, über Dokumentationen seinem Programmauftrag nachzukommen.

 

Das muss sich auch ZDF Info gedacht haben. Zumindest so ungefähr. Denn auf dem Ablegesender des Zweiten laufen am 1. Mai unter anderem die Dokus: „Die Superreichen“, „Dollar-Prinzessinnen – Amerikas reiche Töchter“ oder „Früher Tod und ewiger Ruhm – Stars, die jung sterben“.

 

Immerhin. Es gibt Ausnahmen. Der SWR zeigte zwei Tage vor dem 1. Mai die Doku „Die Industrialisierung des Südwestens“ und Tagesschau 24 hat am Tag der Arbeit Dokus im Programm wie „Kleinbauern und Agrargenossen“ oder „Der LPG-Skandal“. Einzig Phoenix lässt hoffen, dass das Thema Arbeitswelten nicht mit der DDR mit gestorben ist. Dort gibt es „Das System Amazon“ und den „Rentenreport“ zu sehen.