Freiheit, immer nur ihretwillen

„Wer den Wind sät“ gilt zurecht als Klassiker des Gerichtsfilms. Das Drama von Stanley Kramer ist aber zugleich das grundlegende Werk über das Thema Freiheit. Seine Lehre: Die Freiheit muss ihretwillen verteidigt werden – nicht, weil es gerade nützt.

 

Hillsboro ist ein Kaff in Tennessee. Die Menschen arbeiten hart, sind gut und schlicht – und religiös. Im Jahr 1925 gilt der Darwinismus hier als Sünde, weil er im Widerspruch zur biblischen Lehre steht. Per Gesetz ist es verboten, diesen an den Schulen zu lehren. Der junge Lehrer Bertram T. Cates (Dick York) verstößt gegen dieses Gesetz.

„Wer den Wind sät“ beginnt damit, dass Cates im Unterricht verhaftet und dann abgeführt wird. Der Film scheint auch bald wieder zu Ende sein. Denn die Handelskammer warnt vor einem Prozess gegen den jungen Lehrer: Sieht schlecht aus, wirkt altmodisch, versaut den Ruf und damit das Geschäft. Doch dann kommt die Wende: Der namhafte Politiker und religiöse Fundamentalist Matthew Harrison Brady (Fredrich March) bietet sich an, die Anklage zu übernehmen. Dies verspricht Hillsboro Aufmerksamkeit – und somit gute Geschäfte.

Ein Journalist aus Baltimore (Gene Kelly) organisiert die Gegenwehr. Er verpflichtet als Anwalt Henry Drummond (Spencer Tracy). Ein Liberaler, ehemaliger Weggefährte Bradys und offensichtlich in dessen Frau (Florence Eldridge) verliebt. Der Journalist Hornbeck beginnt zudem eine Medien-Kampagne gegen das hinterwäldlerische Hillsboro.

Es entspinnt sich der Prozess. Fulminant. Große Bilder, große Dialoge, brillante Schauspieler. Der Prozess verändert die Stadt. Stehen am Anfang der Handlung noch manche, etwa die Schüler an der Seite ihres Lehrers Cates, entwickelt sich eine Pogrom-Stimmung. Basis dafür sind die beiden Kernsätze eines jeden Fundamentalismus:

1. Bist du nicht für mich, dann bist du gegen mich.

2. Ich vertrete das Gute. Wer gegen mich ist, vertritt das Schlechte. Das Schlechte muss bekämpft werden. Dieser Kampf rechtfertigt, die eigenen Regeln zu missachten. Schließlich geht es gegen das Schlechte.

Und die Konsequenz dieser Kernsätze ist im Film wie in der Realität: Der fundamentale Glaube wird zur Norm. Der gesellschaftliche Druck wächst, sich dieser Norm anzupassen. Wer diesem Druck nicht nachgibt, wird attackiert. Bis hin zum Letzten: dem Angriff aufs Leben. Mörderische Übergriffe durch den Ku Klux Klan werden in „Wer den Wind sät“ nur angedeutet, erschließen sich aber aus dem Kontext seiner Zeit (1960).

Am Ende erleidet Brady eine Herzattacke. Metapher dafür, dass die Lehre, die er vertritt, an Lebenskraft verloren hat. Der Film erzählt den Zustand der 20er Jahre aus der Sicht der zu Ende gehenden 50er Jahre. Da ist die fehlende Vitalität ein Aspekt, wenn es darum geht, religiösen Fundamentalismus darzustellen.

Viel entscheidender aber ist: Cates wird zwar verurteilt. Aber Hornbecks Pressekampagne zeigt Wirkung: Das moderne Amerika lacht über Hillsboro. Die Handelskammer zwingt den Richter, nur eine symbolische Strafe auszusprechen, um die Geschäfte nicht zu gefährden – dennoch geht Drummond in Revision. Es ist ein Rückgriff auf die Anfangssequenz: Freiheit, die aus pragmatischen Gründen gewährt wird, ist nichts wert. Pragmatismus kann sich ändern und dann für das Gegenteil stehen. Die Freiheit muss ihretwillen erkämpft werden. Gerade dann, wenn es nicht nützt, sondern sogar schadet.