Das Dschungelcamp am Ende

Das Dschungelcamp hat seine besten Zeiten hinter sich. Das gilt nicht nur für die Quoten – auch erzählerisch fällt dem Team nichts mehr ein.

 

Der Dienstag in der zweiten Sendewoche – das war der Dienstag, an dem das Dschungelcamp zum ersten Mal die Grenze von zehn Millionen Zuschauern durchbrochen hat. Und das in einer Folge, die unter der Woche lief und bis nach Mitternacht dauerte.

 

Es war das Jahr 2011. Und „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ erreichte mit seiner fünften Staffel den künstlerischen Höhepunkt. Das lag vor allem an dem herausragenden Cast sowie an den Geschichten, die dieser ermöglichte.

 

Da war das schöne und nette Pärchen Jay Khan und Indira Weis, die sich aber später als berechnende Intriganten herausstellten. Der alt gewordene Rebell Mathieu Carrière, der sich erst als sympathische Vaterfigur von Peer Kusmagk präsentierte, aber später mit diesem brach. Kusmagk wiederum, der als strahlender Held und Sieger aus der Staffel hervorging. Und der Alt-68er Rainer Langhans, der bewies, dass ein Teilnehmer im Dschungel seine Würde nicht verlieren muss.

 

Und dann natürlich Sarah „Dingens“ Knappik. Die beste aller Dschungelcamp-Teilnehmer. „Auch von denen, die noch kommen.“ Letzteres ist eines ihrer großartigen Zitate. „My breath was away“ ein anderes. Das Möchtegernmodell tobte, riss das Maul auf, scheiterte in Prüfungen und terrorisierte das Lager so lange, bis die anderen streikten, um ihren Rauswurf aus dem Camp durchzusetzen – das passierte in genau jener Folge, die zur Rekordquote führte. Danach ging es mit „Ich bin ein Star“ bergab“ – künstlerisch.

 

Jetzt gab es wieder einen Dienstag in der zweiten Sendewoche. Gerade mal 4,82 Millionen Zuschauer sahen das im Schnitt. Das sind weniger als ARD und ZDF mit ihren Serien „In aller Freundschaft“, „Um Himmels Willen“ und „Die Rosenheim-Cops“. Auch wenn diese in der Kerngruppe der 14- bis 59-Jährigen hinter dem Camp landen.

 

Schuld am Abwärtstrend des Camp ist letztlich, alles was an der fünften Staffel gut war. Denn das konnte RTL nicht mehr toppen. Und manches war auch komplett zu Ende erzählt. Zum Beispiel die Prüfung Kakerlaken-Sarg: In der ersten Staffel flippte Daniel Küblböck in dem Sarg völlig aus, in der fünften meditierte Langhans darin  seelenruhig. Danach machte die Übung keinen Sinn mehr. Alle Reaktionen zwischen diesen beiden Extremen wären langweilig.

 

Dem gleichen Effekt unterliegen die Essensprüfungen. Was präsentiert wird, sieht schwabbelig aus, lebt noch, ist massiv oder stinkt. Noch lebendiger gibt es nicht. Dass es stinkt, kriegt der Zuschauer nicht mit. Und das Essen noch schwabbeliger oder massiver sein zu lassen – da hat der liebe Gott Grenzen gesetzt.

 

Bleiben die Sportprüfungen. Mit diesen kann RTL noch eskalieren. Aber das hat unangenehme Nebeneffekte. Die älteren Teilnehmer können gar nicht in diese Prüfungen. Dabei sind es oft sie, die halbwegs einen Namen und eine Vergangenheit haben. Und manches ist für den Zuschauer unattraktiv. So schraubt RTL Türen fest zu. Das macht das Öffnen für den Kandidaten zwar schwieriger. Aber der Zuschauer schaut dann halt zehn Minuten jemandem beim Schrauben zu – quasi Ikea-TV.

 

Auch dem Story-Telling fehlt es mittlerweile an Möglichkeiten zur Eskalation: Zwar gibt es nach wie vor jedes Jahr Lebensbeichten. Aber wie sollen diese die Geschichten einer Totschlägerin oder die von Gewaltopfern toppen? Der Fleißige, das Lästermaul, das Ekel, der Faulpelz, das Lästermaul, die Quengelige oder die Apathische – diese Rollen besetzt RTL jedes Jahr aufs Neue. Aber der neue Fleißige wird sich mit Costa Cordalis messen lassen müssen, das Ekel mit Walter Freiwald und die Irre mit Sarah Dingens – und diese Duelle verlieren in der Regel die Neuen. Und damit das Dschungelcamp als Format.