Die Show ist vorbei

Thomas Gottschalk hat heute de facto mit einem „Best-of“ den Versuch „Gottschalk live“ eingestellt. Vordergründig mag der Altmeister am erst wirren, dann falschen Konzept seines neuen Formats gescheitert sein. Aber es steckt mehr dahinter.

Wenn Zeitungen Geld für Autoren sparen wollen, haben sie eine Chance, das als Bürgernähe zu verbrämen: Sie können Vereins-Schriftführer einfach für Umme arbeiten lassen und das Produkt ohne Redaktionskritik ins Blatt klatschen. Ein ähnliches Konzept hat jetzt Thomas Gottschalk für die Restlaufzeit von „Gottschalk live“ präsentiert: In den verbleibenden Folgen dürfen Zuschauer die Sendezeit mit eigenen Idee füllen – statt teure Promis sollen also Gratisbürger die ohnehin als verloren erklärte Sendezeit runternudeln.

Hört sich furchtbar an – könnte aber erfolgreicher oder weniger erfolglos als „Gottschalk live“ sein. Denn es entspricht dem Langzeittrend der letzten zehn Jahren, vielleicht 20 Jahre: Die Couch-Kartoffel vor dem Fernsehen will im Fernsehen sehen, was ihr als Couch-Kartoffel ähnelt. Egal, ob das Ganze im Format Daily Talk, Gerichtsshow, Heimwerker-Sendung oder gleich als Scripted Reality erscheint.

Diese Formate genießen einen wichtigen Wettbewerbsvorteil: Sie starten fast außerhalb jeder öffentlichen Aufmerksamkeit. Floppen sie, ist es egal – sind sie erfolgreich, pfeift die Branche anerkennend durch die Zähne.  

Nur wenige Formate setzen sich noch durch, die auf einem prominenten Frontmann basieren. Zuletzt ist das Günther Jauch gelungen mit Wer wird Millionär, Dieter Bohlen mit Deutschland sucht den Superstar und Heidi Klum mit Germanys Next Topmodel. Dazu kommt noch das Dschungelcamp. Passt nur bedingt in diese Reihe, andererseits lebt es mehr von Dirk Bach und Sonja Zietlow als von den so genannten Promis. Egal. Denn all das läuft ohnehin bereits seit mehreren Jahren.

Es gibt mehrere Gründe, warum sich im Showbereich keine großen Erfolgsformate mehr etablieren. Obenan steht mit Sicherheit die Einfallslosigkeit der Macher. Ist etwa mal eine Castingshow auf RTL erfolgreich, legen SAT1 und Pro Sieben nach. Dann setzen die Drei jeweils ein zweites und drittes Casting drauf – und wenn nach einigen Jahren die ARD nachlegt, weiß jeder, dass der Trend im kreativen Sinn tot ist und nur noch ein paar Jahre weiter geritten wird.

Dann konkurriert das „Fernsehen“, worunter wir das freiempfangbare verstehen, natürlich mit Internet, DVD und Bezahlfernsehen. Einzelne Zielgruppen wie Fans von Musik, Comedy oder Sport, Junge oder Schwule erhalten Spartenangebote, die für sie reizvoller sind als die Vollprogramme. So bleibt „dem Fernsehen“ vor allem die Zielgruppe, die damit aufgewachsen ist, es als Leitmedium zu verehren. Mit wenigen Ausnahmen erzielt nur noch eine Millionenquote, was sich an den Älteren orientiert.

Bestand haben demnach Formate, die es schon lange gibt wie der Tatort, der sonntägliche Talk danach oder das Spiel der Fußball-Nationalmannschaft. Oder Formate, die an Shows erinnern, wie es sie schon immer gab. Passenderweise werden sie moderiert von Jörg Pilawa oder seinen Klonen Markus Lanz oder Kai Pflaume. Diese Sendungen sind langatmig, politisch korrekt und jeder Aufregung beraubt – und sprechen daher ein Publikum an, das vorm Fernseher dahin dämmert. Entsprechend ist nur jeder Zehnte jünger als 50 Jahre.

Da liegt denn auch die Crux im Fall Thomas Gottschalk. Vor dem traurigen Unfall von Samuel Koch haben ihm die Menschen nur noch aus Routine zugesehen. Die Quote starb dabei nur langsam weg. Mit jedem neuen Format musste er scheitern. Auch wenn es besser gewesen wäre als „Gottschalk live“.