Journalisten als Teil der Inszenierung

Wie fühlt sich eine „Kommentarwichsmaschine“, wenn das World Trade Center einstürzt und keiner anruft, um einen nach einem Kommentar dazu zu fragen? Dieser Frage ging Max Goldt in seinen heute noch lesenswerten Texten zum 11. September nach. Wobei es eigentlich eher Rhetorik seitens Goldts war.

Goldt verzichtete nach eigenen Aussage am Tag danach darauf Zeitungen zu lesen: „Der Kenntnisstand des Fernsehens von gestern abend, garniert mit reichlich Kommentaren von Schriftstellern und Schauspielern, die sich nach irgendwelchen Ereignissen immer gleich einen Zettel mit Formulierungen schreiben und den neben das Telephon legen in der Hoffnung, sie werden von Medien angerufen.“

Dass Medien interessiert sind, gehört zum gängigsten Klischee über sie. Passiert im Tatort-Ludwigshafen ein Mord, kommen 50 Journalisten zur Pressekonferenz der Polizei und die Fotografen schießen 50 Schnappschüsse von jedem einzelnen Gesichtsausdruck der Kommissarin. Im echten Ludwigshafen kommt vermutlich nicht einmal der Polizeireporter der Rheinpfalz zur Pressekonferenz, sondern holt sich seine Informationen per Telefon ab.

In Filmen gehört zu den gängigen Klischees auch der Journalist, der wochenlang ziellos an einer Geschichte rumrecherchiert. So arbeitet vielleicht Claas Relotius in Minnesotta. Aber da steht dann die Geschichte, was man so hört, schon vorher fest.

Der recherchierende Journalist ist ein Auslaufmodell. Zeiten des Sparzwangs und Stellenabbaus erfordern ein ökonomischeres Arbeiten. Es soll Chefredakteure geben, die Akkord bevorzugen und feste Stückzahlen definieren wollen, wie viel ein Redakteur abzuliefern hat. Andere fragen, ob nicht irgendwie 140 Zeilen mit irgendwas gefüllt werden könnten.

So ist das, wenn weniger Menschen mehr Inhalte erzeugen müssen. Denn nicht nur Zeitungen und Funkminuten wollen gefüllt sein. Es braucht auch Bewegtbild fürs Internet. Auch wenn das dann nur daraus besteht, dass ein verbal grobmotorischer Schreiber im Gegenlicht seinen Text ins Mikrofon liest.

Dabei braucht der Politiker den Journalisten. Und das nicht nur, um seinen Inhalt zu transportieren. Das kann er übers Telefon genau so wie über Filme oder Tonaufnahmen. Pressestellen, die etwas auf sich halten, bieten so etwas längst an.

Der Journalist ist mehr. Er ist Teil der Inszenierung der Politik. So wie der Zuschauer Lena Odenthal nur dann abkauft, unter Druck zu stehen, wenn jeder ihrer Gesichtsausdrücke 50 mal fotografiert wird, so kauft der Zuschauer dem Politiker nur Bedeutung ab, wenn ein entsprechend Maß an Journalisten ihn umgibt.

In Berlin klappt die Inszenierung noch: Die Aussage kann so belanglos sein, wie sie will - wenn sie in Mikrofone mit 30 unterschiedlichen Logos gehalten wird, dann ist sie eine Top-Nachricht. Der Journalist ist Medium und Teil der Nachricht zugleich.

In der Provinz fasert diese Verknüpfung aber aus. Im rheinland-pfälzischen Landtag zum Beispiel sind leere Pressetribünen durchaus ein Thema. Der Name Parlament kommt vom griechischen Wort für Reden. Aber was, wenn die Rede keiner hört? Außer bestenfalls einer Besuchergruppe, die willkürlich in der Mitte von Punkt 14 rein und in der Mitte von Punkt 16 wieder rausgeführt wird.

Was, wenn eine Partei einem Thema Gewicht verleihen will und dazu eine Pressekonferenz gibt – aber kein Journalist kommt? Sie kann danach einen Text auf die Internetseite stellen. Sie kann auch das Gesagte ins Netz streamen. Doch ist es dann eben keine Pressekonferenz mehr, sondern eben ein Stream.

Der Journalist, der mitschreibt, gehört zu einer öffentlichen Veranstaltung von Rang. Klar, kann das Medium anschließend den Pressetext übernehmen. Im Ergebnis ist dies das Gleiche. Vermutlich fällt das Ganze dann sogar wohlwollender aus. Aber der Journalist vor Ort ist ein Status Symbol.

Nicht alles, was an Schimpf und Schande über die Politik gekübelt wird, ist berechtigt. Zum Beispiel ist sie durchaus in der Lage, Tendenzen zu erkennen und dann darauf zu reagieren. Auf Journalisten, die vom Schreibtisch aus arbeiten – im Schönsprech "Desk" genannt – haben sich manche politische Pressestellen schon eingestellt. Sie haben so genannte Newsrooms eingerichtet, mit denen sie die Journalisten versorgen, die nicht mehr rausgehen.

Andere wollen diese Newsrooms direkt für den Kunden öffnen. Dagegen gehen Medienunternehmer vor. Sie fürchten diese als Konkurrenz. Nichts sagt mehr über das Vertrauen in die Qualität ihres Produktes aus.