Gelbes Kraftpaket

Immer kürzere Texte. Besser noch Bild statt Schrift. Das ist der Obertrend des Internetzeitalters. Zeit, einen Gegentrend zu setzen: das Reclam-Heft.

 

Was für den Yuppie die Yacht ist oder der Sportwagen, das ist für den Bildungsbürger die Buch-Sammlung. In langen Regalwänden präsentiert er seine intellektuelle Biografie. Das Wort, das mit Sch anfängt und mit …vergleich aufhört, liegt förmlich in der Luft.

 

Das Reclam-Heft ist die gelebte Bescheidenheit. 5000 Bücher lassen sich in einem einzigen Regal unterbringen, hat Hans-Joachim Marquardt dem Deutschlandfunk gesagt. Marquardt ist der Initiator eines Museums in Leipzig, das die 152-jährige Geschichte der Universal-Bibliothek vorstellt.

 

Deren Gründung wurde durch ein Gesetz aus dem Jahr 1856 möglich. Das hatte zur Konsequenz, dass 1867 die Schutzrechte auf zahlreiche Werke ausliefen. Darunter die Schriften von Goethe, Schiller und Lessing. Der Faust wurde dann auch zu einem Bestseller des Angebots der Leipziger Anton Philipp und Hans-Heinrich Reclam, die Weltliteratur zu einem Preis anbieten wollten, den sich auch Dienstmädchen leisten konnten.

 

Den Gedanken haben die Reclams und ihre Erben konsequent umgesetzt. Rund 20 000 Titel sind in der Reihe bereits erschienen. Von Caesar über Shakespeare bis Loriot waren alle großen Autoren vertreten. Die meisten werden die gelben Hefte mit ihrer Schulzeit verbinden. Und damit, dass sie zur Lektüre von Keller, Fontane oder Eichendorff mehr gezwungen wurden, als sie geneigt waren.

 

Doch es ist an der Zeit, die gelben Kraftpakete wieder zu entdecken. Weil sie einen herrlichen Gegentrend darstellen: Und das nicht nur, wenn es um Bescheidenheit in der eigenen Büchersammlung geht. Die Reclam-Reihe bietet einen der letzten Zugänge zu sperriger Literatur – oder gar Philosophie.

 

Denn Hand aufs Herz: Wer hat nach einem Arbeitsalltag, der davon geprägt ist, seine Aufmerksamkeit auf mehrere Informationskanäle aufteilen zu müssen, noch die Konzentration, sich abends mit Rousseaus Gesellschaftsvertrag oder mit Morus‘ Utopia auseinander zu setzen? Über mehrere Stunden am Stück?

 

Das Reclam-Heft schenkt einem zwar nicht mehr Konzentrationsvermögen. Aber ermöglicht eine andere Herangehensweise. Das Heft ist ein Taschenbuch im buchstäblichen Sinne. Es passt in die Hose. Je nachdem, wie es geschnitten ist, auch ins Hemd. Auf jeden Fall aber in die Jacke. Und so wird es zum Literatursnack für zwischendurch.

 

Mit dem Hund spazieren gehen und dabei Pausen einlegen? An der Bushaltestelle warten und statt zum Smartphone zum Reclam-Heft greifen? Oder sich für zehn Minuten auf der Toilette einsperren und den Oberflächlichkeiten des Berufslebens entfliehen? Das Taschenbuch öffnet die Tür in diese Welt. Und für vier oder acht Seiten kann sich jeder mal zusammenreißen und weiter am Leviathan lesen.