Wo bleibt die Dienstleistungsgesellschaft?

Das Schlagwort der 90er Jahre war die „Dienstleistungsgesellschaft“. Sie war die Standardantwort auf die Frage, wie es nach dem Aus von wichtigen Zweigen der Industrie, etwa der Stahlbranche, weitergehen soll. Selten ist aus einem großen Versprechen ein so kleiner Ertrag geworden. Wir tanken immer noch selber, dafür stehen wir heute an der Kasse in einer Schlange.

Die Jahre der Bonner Republik waren das Goldene Zeitalter der Arbeiter und Arbeitnehmer. Jobs gab es genügend. Wer fleißig und intelligent war, konnte sich einen Lebensstandard erwerben, wie ihn sich in der DDR nur die SED-Bonzen leisten konnte. Wer dumm und fleißig war, fand immerhin ein Auskommen, mit dem sich eine Existenz aufbauen ließ.

Mit dem Ende der Bonner Republik setzte die „Globalisierung“ ein. Mit dem Kommunismus waren Handelsschranken gefallen. Waren konnten nun ohne weiteres in Canton produziert und in Chemnitz verkauft werden. Für viele Branchen war der alte Westen damit nicht mehr profitabel. Lederwaren, Textilindustrie oder Kohle und Stahl fanden nun dort eine Heimat, wo Löhne und Rechtsstandards niedrig waren.

Die „Post-Materialisten“ jubilierten. Das Industrie-Zeitalter sei überwunden, freuten sie sich. Und der Mensch könne nun die nächste Stufe erreichen - den Genuss des Lebens. Der Haken dabei: Nicht wenige Post-Materialisten kamen aus Verhältnissen, die ein Leben ohne Arbeit ermöglichen. Die Frage, was mit denen wird, die einen Lebensunterhalt benötigen, interessierte sie nicht. Die Nachfrage taten sie ab mit dem Schlagwort „Dienstleistungsgesellschaft“.

Das Versprechen auf das Paradies

Die Idee dahinter: Die in der Industrie frei werdenden Kräfte sollen in Serviceberufen arbeiten. So werde Arbeit und Reichtum geteilt. Gleichzeitig entsteht ein volkswirtschaftlicher Nutzen. Die Menschen könnten sich viele Aufgaben von anderen, die darauf spezialisiert sind, abnehmen lassen. Das Versprechen auf ein Paradies.

Aus diesem Paradies konnten die Menschen nicht vertrieben werden. Denn es hat es nie gegeben. Zumindest nicht für die breite Masse. In Sachen Service ist Deutschland in vielem hinter die (westdeutschen) Standard der 80er Jahre zurückgefallen.

In den Cafés und Bäckerei herrscht Selbstbedienung. Wer mit der Lufthansa fliegt, muss sich selber einchecken und sein Gepäck eigenhändig aufgeben. An Tankstellen müssen Kunden mitunter zehn Minuten darauf warten, ihr Benzin zu bezahlen. Zwar haben die Besitzer das Serviceangebot erweitert: Es gibt Cappuccino mit geschlagenem Schaum, frische Burger oder Backwaren – gemacht wird das aber alles oft von einer einzigen Person, die auch die Kasse bedient, sodass dort mitunter arge Schlangen entstehen.

Auch die Arbeiter und Arbeitnehmer fanden in der Servicebranche nicht ihr Heil. Paketfahrer sind heute das, was im 19. Jahrhundert die Weber waren. Ein Beruf, auf den die Gesellschaft nicht verzichten kann, der aber seine Werktätigen zu einem Leben in bitterer Armut verdammt. In der Pflege sieht es kaum besser aus.

Der Denkfehler

Service funktioniert in der Dienstleistungsgesellschaft nur für die, denen die Herkunft ein Leben ohne Arbeit ermöglicht. Oder die, die in der guten alten materialistischen Zeit genügend Vermögen angehäuft haben. Die osteuropäische Pflegekraft, die im eigenen Haushalt lebt, ist die beste Metapher für diese Dienstleistungsgesellschaft der Gesegneten.

Die Dienstleistungsgesellschaft hatte von Anfang an einen Denkfehler: Sie funktioniert nur, wenn das Geld im System zirkuliert. In globalisierten Gesellschaften fließt aber immer auch Geld ab: Für Reisen, für Immobilienkauf im Ausland oder für importierte Ware. Auch eine Dienstleistungsgesellschaft braucht daher Geldzufluss. Und der kommt vom Export.

Nun ist Deutschland eine Exportnation. Eigentlich sollte also daher gerade hierzulande die Dienstleistungsgesellschaft funktionieren. Doch ist das Geld zwar da, aber es zirkuliert nicht. Ins Zirkulieren kam es, weil es an Arbeitnehmer ausgezahlt worden ist. Wenn aber nur wenige von diesem Geld profitieren, gibt es auch nur die Dienstleistungsgesellschaft der Wenigen. Und die Meisten werden weiterhin an Tankstellen in der Schlange stehen müssen und in prekären Jobs arbeiten.