Krankhafte Freiheit

Pfarrer Konrad war ein guter Mensch. Ein Freund der Familie. Als meine Großmutter gestorben ist, haben wir ihn gebeten, seinen Ruhestand zu unterbrechen und die Predigt auf der Beerdigung zu halten. Und trotzdem war Pfarrer Konrad der negative Grund dafür, mich zu politisieren. Schon mit zehn Jahren habe ich mich gegen religiös motivierte Repressionen gewehrt – genau deshalb bin ich nicht bereit, sie mit bald 43 Jahren als Teil kultureller Vielfalt zu feiern.

 

 

Im dritten Schuljahr gehen katholische Kinder zur Kommunion. Weil ich ein Jahr älter war als der Schnitt meiner Klasse und weil meine Großväter ein Jahr später beide zur Goldenen Kommunion gegangen sind, durfte ich schon im zweiten Schuljahr gehen und nahm vorher am kompletten Kommunions-Unterricht teil. Trotzdem bestand Pfarrer Konrad drauf, dass ich ein Jahr später den Unterricht nochmal in Gänze wiederhole.

 

Meine Eltern und ich weigerten uns, den ganzen Terz nochmal mitzumachen. Als Konsequenz reagierten Pfarrer, Lehrer und Religionsgemeinde repressiv. Mein Freund, der Sohn meiner Kommunionslehrerin, fragte mich, warum ich denn nicht in den Unterricht gehe. Meine Antwort lautete, weil der Pfarrer nicht „der König von Humes“ sei. Eine Formulierung, die mir mein Klassenlehrer später mehrmals um die Ohren haute.

 

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich vergleiche mein Erlebtes nicht mit dem, was Menschen in wirklich repressiven Systemen durchmachen. Doch für einen Zehnjährigen ist es durchaus prägend, wenn er in einem 2500-Einwohner-Dorf, das (damals) zu 98 Prozent katholisch ist, geschnitten wird. Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Trennung von Staat und Religion waren für mich schon früh Werte und mir ist  schon früh klar gemacht worden, dass diese errungen werden müssen.

 

Nun hatte es meine Generation gut. Der Kampf um die Trennung von Staat und Religion sowie um die Eindämmung des Einflusses von Religion auf den Staat war zu unserer Zeit in allen entscheidenden Punkten gewonnen ­– bis vor kurzem.

 

Weil aus Religionsgemeinschaften heraus der Wunsch kommt, dass Mädchen und Jungen getrennt Schwimmunterricht erhalten, geschieht dies an staatlichen Schulen. Weil aus Religionsgemeinschaften heraus Essensvorschriften erstellt werden, werden diese an staatlichen Kindergärten übernommen. Weil aus Religionsgemeinschaften heraus der Wunsch kommt, Mädchen eine Kleiderordnung zu erteilen, wird diese auf Straßen, in Klassen und auch in Behörden befolgt.

 

Wer die Freiheit liebt und säkular denkt, der sollte sich gegen diese Tendenz stemmen. In Sachen Eindämmung des Einflusses des Christentums war die politische Linke ein wichtiger Verbündeter. Doch die fällt dieses mal aus. Und nicht nur das ­– sie verteufelt den Kampf fürs Säkulare sogar.

 

Eine sozialdemokratische Ministerpräsidentin hat sogar vor der Gefahr der „Islamophobie“ gewarnt. Eine Phobie ist eine krankhafte Angst, die irrationale Reaktionen auslöst. Wer also für gemeinsamen Schwimmunterricht ist, gegen eine Kleiderordnung für ein Geschlecht und gegen Lebensmittelvorschriften, wird  unter den Generalverdacht, krank und irrational zu sein, gestellt. Ein gewaltfreier Dialog geht anders.

 

Nach der eher zufällig erfolgten Grenzöffnung im September 2015 wurde die Willkommenskultur in den Status der Staatsräson erhoben.

 

Nun ist Willkommenskultur ein erstrebenswertes Ziel. Aber: Ein Großteil derer, die die offenen Grenzen nutzten, hatte die Religion, in der es keine zentrale Führung gibt, aber aus der heraus Kleidervorschriften für Mädchen kommen, Essensvorschriften oder der Wunsch nach getrenntem Unterricht für Jungen und Mädchen. Die Akzeptanz der Religion samt ihrer Vorschriften wurde zum Teil der Staatsräson erklärt – Kritik an diesen Vorschriften als etwas irrational Krankes.

 

Nur: Die Gleichheit der Geschlechter und die persönliche Freiheit – auch die Freiheit zu essen und zu tragen, was man will – ist von unserem Grundgesetz garantiert. Die Freiheit ist sogar so stark geschützt, dass kein Gesetz sie ändern oder abschaffen darf. Eine Staatsräson ist abzulehnen, wenn sie die Grundpfeiler der Verfassung abschaffen will. Denn ließen wir das zu, würde das demokratische Haus zusammenbrechen.

 

„Freiheit ist das einzige Gut, das sich abnutzt, wenn es nicht genutzt wird.“ Das Zitat stammt von dem Schriftsteller Heinrich Böll, nach dem die Grünen ihre Parteistiftung benannt haben. Auch eine der Parteien, die Willkommenskultur derzeit über die Freiheitswerte stellt.

 

Freiheit zu verteidigen, war lange Zeit – zumindest im westlichen Deutschland – eine einfache und dankbare Aufgabe. Nun ist es schwerer geworden. Wer sich etwa zur Freiheit des Säkularen bekennt, muss damit leben, von anerkannten Ministerpräsidentinnen als krankhaft irrational dargestellt zu werden – und von anderen mit der Nazikeule bedacht zu werden.

 

Trotzdem – und gerade deswegen – sollte man sich die Freiheit nicht nehmen lassen. Denn Böll hat recht: Sie nutzt sich ab, wenn man sie nicht nutzt. Und dass auch gute Menschen manchmal Schlechtes bewirken, das habe ich spätestens von Pfarrer Konrad gelernt.