Es fehlt mir an Masochismus

Da triffst du dich nach Jahren erstmals wieder mit Freunden von früher, freust dich und dann haut dir einer das ins Gesicht: „Und Du bist jetzt ein SPD-Hasser.?.“ Das wirft Fragen auf. Die eh schon beantwortete, ob ich es auf Facebook oder Twitter mit Zuspitzungen übertreibe. Aber auch die noch nicht entschiedene: Hasse ich die SPD wirklich?

Dass ich abwechselnd Mitglied bei den Grünen und der FDP war, ist unter meinen Bekannten weitgehend bekannt. Eine andere Mitgliedschaft habe ich bisher meistens verschwiegen. Ich wollte den Eindruck vermeiden, zu sprunghaft zu sein. Da dieser Kampf nun eh verloren ist, kann ich auch die Karten auf den Tisch legen: Von 1990 bis 1994 war ich Mitglied der SPD. Genauer gesagt der SPD Hierscheid.

Die SPD, das war für mich nur in zweiter Linie eine Partei. In erster Linie waren es ihre Menschen. So wie der damalige Ortsvorsteher von Hierscheid. Ein Versicherungsmann. Wenn wir als Familie Probleme hatten, wendeten wir uns an ihn. Er half. Manchmal auch unkonventionell. Aber er half.

Oder Astrid. Als ich meinen ersten Gichtanfall hatte, setzte ich auf Facebook einen Hilferuf ab: Ich schaffe es nicht mehr, mit Don spazieren zu gehen. Die einzige, die sich meldete, war Astrid, eine Freundin und ehemalige Kollegin: „Wie kann ich Dir helfen? Ich bin da.“ Das ist die SPD, die ich liebe. Die SPD mit der Einstellung: Du musst allein zurecht kommen. Im Prinzip. Aber wenn Not ist, sind wir da.

Meine Eltern sind typische saarländische Arbeiter: Katholisch. Bis in die späten 70er Jahre wählten sie CDU. Dann kam die Montankrise. Die SPD versprach zu helfen, den Bergbau zu erhalten. Mein Vater, Bergmann, glaubte das, wählte sie fortan und wurde selbst Mitglied. Wenn ich mich richtig erinnere, sind wir in der selben Sitzung aufgenommen worden.

Mein erster Bruch mit der SPD hatte mehr mit Hierscheid als mit der Partei zu tun. Es muss im Frühjahr 1991 gewesen sein. Das Ostereiersuchen für Familien musste vorbereitet werden.

„Ich sehe es kommen: Die auswärtigen Kinder kommen und sammeln alle Eier ein und unsere Kinder gehen leer aus. Wir brauchen daher eine Quote. Jedes Kind muss mindestens zwei Eier kriegen und darf nicht mehr als drei mit nach Hause nehmen.“

Das ist keine Ironie. Keine Phantasie. Solche Wortbeiträge gab es seinerzeit wirklich in SPD-Ortsvereinen. Die darauf folgende Debatte dauerte zwei Stunden. Ich war 16 Jahre alt und zu sprunghaft, um mich an einer solchen Diskussion beteiligen zu wollen – ich konnte sie nicht mal ertragen.

1994 bin ich zu den Grünen gewechselt. Der Grund: In meinem Wohnort Humes gründete sich ein Juso-Ortsverein. Hätte ich mich in der SPD weiter engagieren wollen, hätte ich da mitmachen müssen und wäre wieder bei den Ostereier-Debatten gelandet. Bei den Grünen war ich innerhalb eines halben Jahren Kreis-Schatzmeister und damit Mitglied des Landesfinanzrates der Partei. Auch hielt ich meine erste (und einzige) Rede auf einem Landesparteitag.

Gewählt habe ich 1994 und 1998 die SPD. Die Grünen hielt ich noch nicht für so weit, Verantwortung zu übernehmen. Außerdem wollte ich, dass Kohl wegkommt. Und Gerd Schröder fand ich gut. Für den habe ich 1993 innerparteilich Wahlkampf gemacht, als er gegen Rudolf Scharping um den Parteivorsitz kandidierte. Ich habe ihm zwei Stimmen gegeben. Meine und Walters. Dem hatte ich die Unterlagen zur Direktwahl vorbeigebracht. Der meinte nur: „Mach du das für mich, du kennst dich besser aus.“

Es wäre zu einfach, zu sagen, die Hartz-Gesetze wären der Grund gewesen, dass die Liebe zur SPD erkaltete. Mir geht es gut, ich war nie auf Sozialhilfe angewiesen. Selbst dass ich in Leiharbeit geriet, war nicht der Grund. Obwohl das Unternehmen dieses Instrument missbrauchte und alle jungen Freien in die Leiharbeit presste. Auch nicht, dass dieses Unternehmen scheinheilige Kommentare gegen die Leiharbeit veröffentlichte. Nicht mal, dass es zu einem Viertel der SPD gehörte.

Es waren die Menschen, die mich auf Distanz zur SPD brachten. Betriebsräte. Parteimitglieder. Ja, gegen die Leiharbeit konnten sie natürlich nichts machen. Aber sie setzten durch, dass Leiharbeitern der Zuschuss in der Kantine gestrichen wurde. Asozial, ja, vielleicht. Aber man müsse den Sinn des Symbols verstehen. Sie müssten ihrer Klientel, den Mitarbeitern des Stammhauses, vermitteln, dass sie irgendwas für sie rausgeholt hätten. Und sei es nur eine Abgrenzung zu den Leiharbeitern.

Den Typus Satter Sozialdemokrat habe ich in 25 Jahren Medienbranche reichlich kennen gelernt. Leute, die bei keinem Open Ohr fehlen, ihrer Umwelt keine Sozialkritik ersparen, aber keinerlei Probleme damit haben, wenn in ihrem Betrieb jüngere Mitarbeiter strukturell weniger verdienen. Sie fordern die Umverteilung der Vermögen. Weltweit. Ginge es aber um die Umverteilung im Betrieb, würden sie als Erste den Betriebsrat in Stellung bringen.

Ich bin 44 Jahre alt, verdiene so viel, wie ich zum Leben brauche und bin gesund. Ich bin ein Mann, heterosexuell und gebürtiger Deutscher. Für mich hat die SPD keinerlei politisches Angebot. Sozialpolitik ist für die SPD Erhöhung des Hartz-IV-Satzes – schlechtes Gewissen und so – oder in besseren Momenten Erhöhung des Mindestlohns. Den Gering- und Mittelverdiener entdecken die Sozialdemokraten ein halbes Jahr vor der Wahl und vergessen ihn eine halbe Stunde nach der Wahlanalyse.

Für mich selber wäre das noch nicht mal so schlimm. Ich könnte mich in einer Solidargemeinschaft als Starker sehen, der den Schwachen hilft. Das wäre Sinnstiftung, ein Grund stolz zu sein. Aber leider hat die SPD die Antonio-Stiftung als Thinktank entdeckt. Und die hat etwas gegen meinen Stolz.

Wer diese Stiftung nicht kennt: Sie bekämpft Rassismus. So weit gut. Doch seien die Weißen die Mehrheit. Werden sie auf Grund ihrer Herkunft beleidigt, sei das kein Rassismus, sondern eine Auflehnung gegen die Mehrheitsgesellschaft. Wer das nicht versteht, dem sei zu seinem gesunden Menschenverstand gratuliert. Leider ist der bei der SPD gerade ausgegangen und deswegen pöbeln Jusos gerne gegen weiße alte Männer, ganz im Sinne der Antonio-Stiftung.

Fassen wir zusammen: Schon jetzt gehen von jedem Euro, den ich verdiene, mehr als 50 Cent an den Staat und seine Einrichtungen. Statt mich zu entlasten, arbeitet die SPD daran, weiter drauf zu packen: Grundsteuer, PKW-Maut oder CO2-Steuer (Bepreisung, damit’s keiner merkt). Wenigstens da sprudelt noch die Phantasie. Gleichzeitig soll ich mich nicht an den Debatten beteiligen, wie dieses Geld ausgegeben wird, weil ich sonst Minderheiten unterdrücke.

Sorry, SPD. So masochistisch bin ich nicht, dass ich Euch derzeit gut finden kann. Ob ich Euch deswegen hasse? Ich weiß es nicht. Hassen sicher nicht. Aber manche verabscheue ich: Den Betriebsrat, der auf seine Wiederwahl schielt, statt aufs Gemeinwohl. Den gut situierten, scheinheiligen Open-Ohr-Besucher, der für die eigene Karriere gegenüber den Obrigkeiten den Bückling macht. Und selbstverständlich den Apparatschick, der mit 17 Jahren schon für die Partei arbeitet, Linientreue als einzige Stärke besitzt und auf alle herabsieht, die nicht zu dem Apparat gehören.

Es tut mir wirklich leid, SPD, dass mir momentan die einfallen, wenn ich an Euch denke. Das ist sicher unfair. Bei den anderen gibt’s die auch. Und ich treffe immer noch Astrid und all die, für die Astrid pars pro toto steht. Die gute SPD. Die sagt, kümmer‘ Dich um Dich selbst und wenn das nicht klappt, helfen wir. Es wäre schön, wenn Ihr Euch wieder auf die besinnt.

Und, bevor ich’s vergesse: Schmeißt die Antonio-Stiftung raus! Es wäre ein Anfang.