Meine Heimat

Einmal habe ich es gehasst, Deutscher zu sein. Es war am 22. August 1996. So gegen 9 Uhr. Mein Einberufungsbescheid war angekommen. Ich sollte mich zum 1. September bei den Pionieren in Speyer melden. Ich musste mich meiner Heimat stellen.

 

Robert Habeck mag ja Deutschland für ein Konstrukt halten, das es nicht wirklich gibt. Für mich war Deutschland an diesem morgen sehr real. Und es gab keinen Weg daran vorbei. Mit dem Schreiben ging für mich einiges in die Brüche: Ich hatte schon einen Jura-Studienplatz in Saarbrücken, ein Zimmer in einer WG, in der auch ein Hund lebte und obendrein hatte ich einen guten Nebenjob, der mit dem Studium vereinbar gewesen wäre. Das war alles auf einen Schlag weg. Danke, Deutschland.

Der Schwur

Ich bin nicht in Deutschland geboren. Ich bin in der BRD geboren. Das bedeutete, an der Seite der USA und Israels zu stehen. Dort fühle ich mich heute noch wohl. Und es bedeutete Werte: ein Leben in einer Demokratie, einem Rechtsstaat und das mit dem Recht, meine Meinung ungestraft zu äußern. Im September 1996 sollte ich einen Schwur darauf leisten, diese Werte zu verteidigen. Notfalls mit meinem Leben. Ich habe diesen Schwur gerne geleistet und stehe noch heute zu ihm.

 

Ich bin nicht in Deutschland geboren. Ich bin im Saarland geboren. Und das bedeutete, mich schon als Kleinkind mit den beiden Kriegen auseinanderzusetzen. Ohne diese Kriege hätte es das Saarland nie gegeben. Das wusste ich schon, als ich noch nicht wusste, wie man Krieg schreibt. Tönender Nationalist zu werden, ist als Saarländer schwieriger. Aus einem kleinen und armen Bundesland zu stammen, war immer Teil meines Bewusstseins.

 

Ich bin nicht in Deutschland geboren. Aber ich bin Deutscher. Und ich habe Eltern, die mich dazu erzogen haben, Verantwortung zu übernehmen. Das heißt auch, zu dem zu stehen, was im deutschen Namen passiert ist. Wenn das Existenzrecht Israels etwa in Frage gestellt wird, werde ich der Letzte sein, der das hinnimmt.

Das Massengrab 

An der A1 steht kurz hinter Trier ein Schild: „Letzte Autobahn-Tankstelle vor Saarbrücken“. Das Schild bedeutet für mich nach Hause zu kommen, wenn ich in Köln war, im Ruhrgebiet oder in Hamburg. Unter diesem Schild befindet sich ein Massengrab: luxemburgische Gefangene des Konzentrationslagers Hinzert, die gestreikt haben, weil sie nicht in der deutschen Armee dienen wollten, die dem Rassenwahn Hitlers verpflichtet war. Unsere Heimat prägt uns. Ihre Vergangenheit prägt uns. Ob wir das wollen oder nicht.

 

Ich bin nicht in Deutschland geboren. Aber ich bin gerne Deutscher. Denn Verantwortung für die Verbrechen meines Landes zu übernehmen, das bedeutete für mich auch, auf Menschen meiner Heimat stolz sein zu dürfen: auf Sophie Scholl, auf Heinrich Böll, auf Heinrich Heine oder auf Willy Brandt. Was sie getan haben, was sie gesagt haben, hat mich mehr als alles andere geprägt.

 

Aber es waren auch Menschen mit einfacheren Lebenswegen, die mich geprägt haben: Die Bergleute mit ihrem Arbeitsethos. Oder die deutsche Nationalmannschaft. Meine Nationalmannschaft. Mit der wichtigsten Tugend: Nie aufgeben! Nie! So wie ich Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit gerne als deutsche Werte übernommen habe, so habe ich auch diese Tugend gerne übernommen.

Die Brücke 

Ist das nationalistisch? Gar rassistisch? Es waren nicht nur Toni Schumacher oder Klaus Fischer, die sich in verlorene Spiele zurückgekämpft haben. Es war auch ein Ringer namens Pasquale Passarelli, der für diese Tugend stand: Der gebürtige Gambatesar stand im Finale der Olympischen Spiele von Los Angeles 1984.

 

Er ging in Führung. Doch dann geriet er in eine Brücke. Eine Abwehrsituation, die ein Ringer in der Regel fünf oder bestenfalls zehn Sekunden durchhält. Passarelli hat sie sensationelle 85 Sekunden gestanden. Sein Gold wurde Deutschland im Medaillenspiegel zugeschrieben. Und wir haben ihn gefeiert dafür.

 

Und wer „wir“ für ein Zeichen rassistischen Denkens hält: Mit „Wir“ ist die Humeser Ringerjugend gemeint, die den Kampf am Radio im Zeltlager am Losheimer Stausee verfolgte.

 

Am 23. August 1996 kam ein zweiter Einberufungsbescheid: für die Panzerartellerie in Kusel. Ein Fehler. Weil ich unter diesem nicht leiden sollte, durfte ich mir aussuchen, welchen von den beiden ich annehme. Ich ging nach Kusel. Sitzen ist bequemer als Bauen, dachte ich mir. Und behielt recht.

 

Meine Bundeswehrzeit verlief angenehm. Ich lernte tolle Menschen kennen. Ich opferte meine Zeit und meinen Komfort einem Land, zu dessen Werte ich stehe – und das ich gerne Heimat nenne. Ich könnte mir keine bessere vorstellen. Zumindest keine, die besser zu mir passt.