Pflichtlektüre

Es war der Ritterschlag für ein Kinderbuch, als Umberto Eco seine Kollegin JK Rowling bat, sie möge Harry Potter nicht sterben lassen. Die Figur sei so wichtig für die kollektive Phantasie geworden, dass dem Zauberschüler ein (fiktives) Leben als erwachsener Zauberer gegönnt werden müsse. Es war das Jahr 2007 und die Welt wartete auf den Abschluss einer Serie, die heute vor gut 20 Jahren begann und die Welt ordentlich durchrüttelte – nicht nur die der Literatur.

 

 

Unter den Fans war die Seite JKRowling.com damals tägliche Pflichtlektüre: Denn ab und an gab die Autorin auf der Internetseite ein Geheimnis preis. Sei es ein Hintergrund zu einer der Figuren – oder noch besser: Ein Wink, wie die Geschichte enden könnte. Denn die Spannungsbögen, die Rowling mit dem vorletzten, sechsten Band gebaut hatte, verschlugen manchem den Atem.

 

In diesen beiden Phänomen lag der Erfolg der Potter-Reihe: Rowling kannte ihre Figuren genau. Weil sie wusste, wie es zuhause bei einer Statistin wie Parvati Patil aussah, konnte sie diese auch plausibel und echt in Hogwarts agieren lassen. Und sie wusste Spannung aufzubauen.

 

Großartig der Beginn des letzten Bandes: Zuerst erleben wir Voldemort unter seinen Anhängern – radikal, böse und zu anteilslosem Mord bereit. Dann erleben wir Harry, der dieses Monster bekämpfen will – und dabei schon an zwei Stellen seines Körpers blutet: Weil er auf eine Teetasse getreten ist und in eine Spiegelscherbe gegriffen hat. Am Gefährlichsten ist immer noch der Haushalt. Erst einmal runterfahren, bevor es mit der Dramaturgie hochgeht.

 

Rowling hat viele gekriegt: Kinder, die mit Harry Potter die Bücherwelt kennengelernt haben. Eltern, die vorm Schlafengehen vorgelesen haben. Oder Nerds, die sich in Internetforen darüber gestritten haben, warum der Zauberspruch jetzt so funktioniert hat wie von Rowling beschrieben.

 

Englisch sprachige Bücher als Topseller in den deutschen Lesecharts. Riesige Partys zum Mitternachtsverkauf der deutschen Ausgabe. Und Schneeeulen, die zwischenzeitlich zum begehrtesten Haustier weltweit wurden. Der Wahnsinn hatte viele Gesichter.

 

20 Jahre danach. Der Hype ist vorbei. Die Versuche, die Cash-Cow noch ein wenig weiter zu melken, verbreiten längst keinen Zauber mehr: Sei es der Harry-Potter-Themenpark oder die unsägliche Vorlage für so bombastisches wie langweiliges Boulevard-Theater. Die Geschichten sind müde geworden.

 

Was aber bleibt, sind sieben Bände allerbester Literatur, die es immer noch lohnt zu lesen. Auch in der Wiederholung. Und dafür braucht sich keiner zu schämen – wenn sogar schon Umberto Eco zu den Fans gehörte.